Dr. Hubertus Rechberg: Pionier des Zykluscomputers

Dr. Hubertus Rechberg (1948–2019) entwickelte einen der weltweit ersten digitalen Zykluscomputer und legte damit den Grundstein für Valley Electronics, den Hersteller von Lady-Comp, Baby-Comp, Pearly und Daysy.

Frühe Motivation

Dr. Rechberg gründete Valley Electronics, nachdem seine Frau zunehmend unter den Nebenwirkungen der Antibabypille litt und er nach einer hormonfreien Alternative suchte.1 Er promovierte an der Universität St. Gallen (HSG) und war zunächst als Unternehmensberater tätig, bevor er sich der Entwicklung eines eigenen Geräts widmete.1

Er kannte die Basaltemperaturmethode zur Zyklusbeobachtung und erkannte, dass sich Messung und Auswertung durch einen Computer automatisieren ließen. Gemeinsam mit dem Gynäkologen Dr. Steinschulte sowie Software-, Elektronik- und Designfachkräften entwickelte er einen der ersten Zykluscomputer der Welt.1,2

1986: der Baby-Comp

Anfang der 1980er-Jahre begann Dr. Rechberg mit der Entwicklung eines computergestützten Systems zur Zyklusbeobachtung. 1986 gründete er Valley Electronics in Bayern; im selben Jahr entstand der BABY-COMP 1.0, gefertigt von AEG in Berlin.1,2

Das Funktionsprinzip war schon damals das gleiche wie heute: Die fruchtbare Phase liegt typischerweise in den Tagen vor dem Eisprung und um den Eisprung herum; nach dem Eisprung steigt die Basaltemperatur durch hormonelle Veränderungen leicht an. Der Baby-Comp erkannte diesen Anstieg und zeigte Rot für fruchtbare Tage, Gelb für die Lernphase und Grün für nicht fruchtbare Tage an.1

1987 verkauften wir den ersten Baby-Comp in der Schweiz. 1998 folgte die erste unabhängige klinische Prüfung an der Frauenklinik der Universität Düsseldorf unter Prof. Dr. G. Freundl.1,3

Der Baby-Comp war das erste Gerät, das die Auswertung einer Temperaturkurve automatisierte. Vorher musste die Frau selbst die Basislinie und den Temperaturanstieg von Hand aus einem Papier-Kurvenblatt ablesen. Dieses Grundprinzip, automatisierte Auswertung von Basaltemperatur und Zyklusdaten durch einen selbstlernenden Algorithmus, ist heute als Fertility Tracker Methode bekannt und wird bis heute in allen Valley-Electronics-Geräten angewendet.

Lady-Comp: die zweite Gerätegeneration

Mit einem Elektronikingenieur aus Kalifornien und einer Industriedesignerin aus München entwickelten wir eine kleinere, scheibenförmige Gerätegeneration (ca. 3 x 14 cm).1 In dieser Phase entstand der Name Lady-Comp, parallel zum weiterhin erhältlichen Baby-Comp: Der Baby-Comp blieb für Frauen mit Kinderwunsch gedacht, der Lady-Comp für Frauen, die hormonfrei verhüten wollten.1 Der Thermosensor erreichte eine Genauigkeit von 0,05 °C.1

Wissenschaftlich fundiert

Die Gerätefamilie wurde seither in mehreren peer-reviewten Studien untersucht: Freundl et al. untersuchten 648 Frauen aus Deutschland und der Schweiz. Für methodenbezogene Schwangerschaften wurde ein Pearl-Index von 0,7 berichtet; die Gesamt-Anwendungswirksamkeit lag in der Studie bei 3,8 nach Pearl Index.3 Diese Unterscheidung ist wichtig, weil die tatsächliche Wirksamkeit im Alltag auch vom korrekten und konsequenten Gebrauch abhängt.

Binkiewicz et al. (2010) ermittelten anhand von 2.040 Zyklen im polnischen Markt einen Pearl-Index von 0,64.4 Demiańczyk und Michaluk (2016) berichteten über zehn Jahre und 17.322 Zyklen einen Pearl-Index von 0,4989.5

Van de Roemer, Haile und Koch (2021) analysierten ein Jahrzehnt an Firmware-Leistungsdaten von Daysy-Nutzerinnen (107.020 Zyklen); diese Studie untersucht die Algorithmus-Performance bei der Zyklusklassifikation, nicht die Verhütungswirksamkeit.6

Weiterentwicklung und neue Produkte

Die Entwicklung von Software und Hardware fand durchgehend in Deutschland statt. Im Laufe der Jahre überarbeiteten wir beides grundlegend, unter anderem mit einer erstmals integrierten Batterie.1

2004 brachten wir mit dem Pearly ein ovales Gerät mit Klappsensor auf den Markt.1 2005 reichten wir bei der US-amerikanischen FDA ein; im April 2006 erhielt Lady-Comp USA eine 510(k)-Freigabe zur Ovulationsvorhersage und Unterstützung bei Kinderwunsch.7 Zur Einordnung: Die 510(k)-Freigabe bezog sich auf ein computergestütztes Basaltemperatur-Thermometer zur Ovulationsvorhersage und zur Unterstützung bei Kinderwunsch.7

2008 wurden unsere Geräte zusätzlich als Medizinprodukte nach europäischem Recht zertifiziert.8

Weitergeführt von der nächsten Generation

Dr. Rechbergs Tochter Natalie Rechberg trat 2008 in das Familienunternehmen ein und übernahm 2013 die Geschäftsführung. 2014 entwickelte sie mit Daysy den bisher größten Schritt unserer Produktfamilie, von Anfang an mit App-Anbindung. 2015 erhielt der Lady-Comp sein erstes Farbdisplay.1 2019 folgte Daysy 2.0.2 Das Grundprinzip ist bis heute unverändert: Messung unter der Zunge, Auswertung in Rot, Gelb und Grün. Wir bauen seit 1986 Geräte zur Zyklusbeobachtung in Deutschland, seit 2008 als Medizinprodukte nach europäischem Recht zertifiziert, mit über 10 Millionen ausgewerteten Zyklen und über 40 Jahren kontinuierlicher Optimierung.

Vermächtnis

Dr. Hubertus Rechberg starb am 24. September 2019 im Alter von 71 Jahren. Die von ihm initiierte klinische Untersuchung von Baby-Comp/Lady-Comp (Freundl et al., 1998) wird bis heute in der Fachliteratur zu Fertility-Awareness-Methoden als Referenz herangezogen, unter anderem in späteren Untersuchungen zu Natural Cycles und anderen Zykluscomputern, die ihre eigenen Ergebnisse gegen seinen Pearl-Index vergleichen.3

Mit dem von ihm entwickelten Grundprinzip, automatisierte Temperaturauswertung mit einer Rot-Gelb-Grün-Klassifikation, legte er den Grundstein, an dem sich bis heute auch andere digitale Fertility Tracker orientieren.

Sein Baby-Comp von 1986 ist heute außerdem Teil der Wanderausstellung Designing Motherhood, unter anderem im MassArt Art Museum Boston, im Mütter Museum Philadelphia und im Museum of Arts and Design New York, dort katalogisiert unter seinem Namen.2

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Quellen

1)
Valley Electronics. Unternehmensgeschichte und interne Dokumentation. Valley Electronics.
2)
Museum of Arts and Design (MAD). Designing Motherhood: Things That Make and Break Our Births — Gallery Guide. Museum of Arts and Design, New York. 19-20 (2025).
3)
Freundl, G.; Frank-Herrmann, P.; Godehardt, E.; Klemm, R.; Bachhofer, M. Retrospective Clinical Trial of Contraceptive Effectiveness of the Electronic Fertility Indicator Ladycomp/Babycomp. Advances in Contraception. 14(2), 97-108 (1998).
4)
Binkiewicz, P.; Michaluk, K.; Demiańczyk, A. Calculation of the Pearl Index of Lady-Comp, Baby-Comp and Pearly cycle computers used as a contraceptive method. Ginekologia Polska. 81(11). (2010).
5)
Demiańczyk, A.; Michaluk, K. Evaluation of the effectiveness of selected natural fertility symptoms used for contraception: estimation of the Pearl index of Lady-Comp, Pearly and Daysy cycle computers based on 10 years of observation in the Polish market. Ginekologia Polska. 87(12), 793-797 (2016).
6)
van de Roemer, N.; Haile, L.; Koch, M.C. The performance of a fertility tracking device. The European Journal of Contraception & Reproductive Health Care. 26(2), 111-118 (2021).
7)
U.S. Food and Drug Administration. 510(k) Premarket Notification K050094 (Lady-Comp USA). FDA. (2006, April 20).
8)
DEKRA Certification GmbH. EG-Zertifikat für das Qualitätssicherungssystem gemäß Richtlinie 93/42/EWG, Anhang II (VE Valley Electronics GmbH). Zertifikat-Reg.-Nr. 51210-16-00 (2008).