25.06.2023 08:35

Endometriose Ursachen Symptome und Behandlungsmoeglichkeiten

Dr. Niels van de Roemer
Dr. Niels van de Roemer Medical Adviser
Leben mit Endometriose

Endometriose: Was ist das eigentlich?

Endometriose ist eine häufige, aber oft verkannte Erkrankung, bei der gebärmutterschleimhautähnliches Gewebe außerhalb der Gebärmutter wächst – etwa an Eierstöcken, Eileitern, Darm, Blase oder Bauchfell. Diese Fehlplatzierung von Gewebe führt zu starken Schmerzen, chronischen Entzündungen und nicht selten zu einem unerfüllten Kinderwunsch. Millionen Frauen weltweit sind betroffen, viele ohne Diagnose.

Endometriose verstehen

Wenn der Körper zur Belastung wird

Die Beschwerden bei Endometriose sind ebenso vielfältig wie individuell. Zu den häufigsten zählen:

Schmerzen

  • Starke, krampfartige Regelschmerzen
  • Chronische Unterleibsschmerzen, auch außerhalb der Periode
  • Schmerzen beim Sex (Dyspareunie)
  • Stuhl- oder Harndrang-Schmerzen
  • Starke oder unregelmäßige Blutungen
  • Unerfüllter Kinderwunsch

Die Unsichtbarkeit der Erkrankung erschwert nicht nur die Diagnose, sondern führt oft zu sozialem Unverständnis. Im Durchschnitt vergehen in Deutschland zwischen sechs und zehn Jahre, bis eine Endometriose-Diagnose gestellt wird. In dieser Zeit erleben viele Betroffene wiederholt Ablehnung, Fehldiagnosen oder das Herunterspielen ihrer Beschwerden – sowohl im privaten Umfeld als auch im medizinischen Bereich.

Doch Schmerzen sind nicht normal. Starke Menstruationsbeschwerden, chronische Unterleibsschmerzen oder Schmerzen beim Geschlechtsverkehr sollten niemals einfach hingenommen werden. Sie sind ein wichtiges Warnsignal des Körpers. Frauen, die regelmäßig unter solchen Beschwerden leiden, sollten frühzeitig ärztlichen Rat einholen.

Ursachen und Entstehung

Warum Endometriose entsteht

Die Ursachen von Endometriose sind noch nicht vollständig geklärt. Es gibt jedoch verschiedene Theorien, die darauf hinweisen, dass hormonelle, genetische und immunologische Faktoren eine Rolle spielen können.

Hormonelle Faktoren

Während des Menstruationszyklus unterliegt der Körper einer komplexen hormonellen Regulation. Es wird vermutet, dass hormonelle Veränderungen, insbesondere ein Ungleichgewicht zwischen Östrogen und Progesteron, das abnormale Wachstum von Endometriumgewebe außerhalb der Gebärmutter begünstigen können. Dieses überschüssige Gewebe kann sich dann an verschiedenen Stellen im Körper ansiedeln und Entzündungsreaktionen hervorrufen.

Genetische Faktoren

Zusätzlich zu den hormonellen Faktoren spielen auch genetische Aspekte eine Rolle bei der Entstehung von Endometriose. Es gibt Hinweise darauf, dass bestimmte genetische Veränderungen das Risiko für Endometriose erhöhen können.

Immunologische Faktoren

Das Immunsystem spielt ebenfalls eine wichtige Rolle, da es normalerweise abnormales Gewebe erkennen und beseitigen sollte. Bei Frauen mit Endometriose scheint es jedoch eine Fehlfunktion des Immunsystems zu geben, die dazu führt, dass das abnormale Gebärmuttergewebe nicht vollständig entfernt wird.

Diagnose

Ein langer Weg zur Klarheit

Viele Frauen suchen über Jahre hinweg ärztlichen Rat, ohne eine konkrete Diagnose zu erhalten. Dabei ist eine frühzeitige Erkennung entscheidend.

Untersuchungsmethoden im Überblick:

  • Anamnese: Ausführliches Gespräch über Symptome, Zyklus, Familiengeschichte
  • Gynäkologische Tastuntersuchung
  • Vaginaler Ultraschall: Sichtbarmachung größerer Zysten (Endometriome)
  • MRT oder CT: Bei Verdacht auf tief infiltrierende Endometriose
  • Laparoskopie: Minimalinvasive Bauchspiegelung mit Diagnose und Gewebeentnahme – der Goldstandard

Nur durch eine Kombination dieser Methoden lässt sich die Krankheit verlässlich erkennen und ein individueller Behandlungsplan erstellen.

Therapieoptionen

Schmerzen lindern

Eine Heilung für Endometriose gibt es bisher nicht – doch verschiedene Ansätze können Symptome lindern und die Lebensqualität verbessern. Die Kombination mehrerer Therapien, abgestimmt auf die individuellen Bedürfnisse, zeigt oft die besten Ergebnisse.

Medikamentöse Behandlung

  • Schmerzmittel (NSAR): z. B. Ibuprofen gegen Entzündungen
  • Hormontherapie: z. B. Gestagene, GnRH-Analoga zur Hemmung des Gewebewachstums

Chirurgische Therapie

  • Laparoskopische Entfernung der Herde
  • Lösung von Verwachsungen
  • In schweren Fällen: Entfernung der Gebärmutter

Kinderwunschbehandlung

  • Hormonelle Stimulation
  • In-vitro-Fertilisation (IVF)

Komplementärmedizinische Methoden

  • Ernährungsumstellung
  • Akupunktur
  • Phytotherapie (z. B. Mönchspfeffer)
  • Wärmewickel, Bewegung, Osteopathie
  • TCM

Endometriose und Ernährung

Eine entzündungshemmende Ernährung kann die Beschwerden messbar lindern:

  • Mehr Gemüse, Omega-3-Fettsäuren und Ballaststoffe
  • Weniger Zucker, Gluten und verarbeitete Lebensmittel
  • Verzicht auf Alkohol und Koffein

Psychische Auswirkungen

Psychotherapeutische Begleitung, Austausch in Selbsthilfegruppen oder professionelle Schmerzcoachings können emotional entlasten und stabilisieren. Viele Betroffene berichten von:

  • Erschöpfung
  • Depressionen
  • Angststörungen
  • Sozialem Rückzug
Zyklusbeobachtung

Kontrolle zurückgewinnen

Mit Methoden wie Daysy, NFP oder Zyklus-Apps können Betroffene ihre Beschwerden in Zusammenhang mit ihrem Hormonverlauf besser verstehen. Die Vorteile:

  • Klarheit über den eigenen Körper
  • Optimierung medizinischer Behandlungen
  • Gezielte Familienplanung bei Kinderwunsch
Endometriose und Fruchtbarkeit

Eine unterschätzte Hürde

Schätzungen zufolge hat etwa jede zweite Frau mit Endometriose Schwierigkeiten, schwanger zu werden. Die Ursachen dafür sind vielfältig: Verwachsungen und Blockaden in den Eileitern können den Weg der Eizelle zur Gebärmutter behindern, während Zysten an den Eierstöcken die Funktion der Eierstöcke beeinträchtigen können. Hinzu kommt, dass chronische Entzündungsprozesse im Bauchraum die Qualität der Eizellen verschlechtern und die Einnistung in die Gebärmutterschleimhaut erschweren können.

Je früher die Endometriose erkannt und behandelt wird, desto besser stehen die Chancen auf eine Schwangerschaft. Spezialisierte Kliniken und erfahrene Reproduktionsmediziner bieten gezielte Unterstützung – von hormonellen Therapien bis hin zur künstlichen Befruchtung. Für viele Frauen mit Kinderwunsch kann ein individueller Behandlungsplan den entscheidenden Unterschied machen.

Mythen über Endometriose

  • „Das ist doch nur starke Periode“ – Falsch. Endometriose ist eine ernsthafte Krankheit.

  • „Nur ältere Frauen sind betroffen“ – Irrtum. Auch Teenager können erkranken.

  • „Eine Schwangerschaft heilt das Problem“ – Mythos. Temporäre Linderung ist möglich, keine Heilung.

  • „Man sieht nichts, also ist es psychisch“ – Unsichtbar heißt nicht eingebildet.

Aufklärung ist der erste Schritt zur Akzeptanz und besseren Versorgung.

Endometriose ist eine chronische Krankheit, die körperlich, emotional und sozial belastet. Doch mit der richtigen Diagnose, einem individuellen Therapieplan und einem unterstützenden Umfeld kann ein selbstbestimmtes Leben möglich sein.

Jede Frau verdient es, ernst genommen und behandelt zu werden – bevor der Schmerz ihren Alltag bestimmt.

Fazit

Eine unterschätzte Hürde

Endometriose ist eine chronische Erkrankung, bei der gebärmutterschleimhautähnliches Gewebe außerhalb der Gebärmutter wächst. Ursachen sind vermutlich hormonell, genetisch oder immunologisch bedingt.

Die Diagnose erfolgt meist durch Anamnese, Untersuchung und Laparoskopie. Behandelt wird mit Schmerzmitteln, Hormonen oder operativ.

Fruchtbarkeit kann beeinträchtigt sein, doch Therapien bieten Chancen. Ein gesunder Lebensstil und Zyklusbeobachtung helfen zusätzlich, Symptome besser zu verstehen und zu lindern.

Aufklärung und ärztliche Begleitung sind entscheidend für eine wirksame Behandlung.

Erfahre mehr zum Thema

PMDD ist mehr als nur PMS. Es handelt sich um eine schwere, zyklusbedingte Erkrankung, die wie Depression oder Angst wirken und den Alltag stark beeinträchtigen kann. Erfahre, wie du die Anzeichen erkennst und welche Unterstützung dir helfen kann.

Die Messung deiner Basaltemperatur hilft dir, deinen Zyklus besser zu verstehen und fruchtbare sowie nicht-fruchtbare Tage zu erkennen. So kannst du die natürlichen Signale deines Körpers optimal für Familienplanung und deine Gesundheit nutzen.

Erfahre, wann Zyklusunregelmäßigkeiten ein Grund zur Sorge sind und wann es sinnvoll ist, ärztlichen Rat einzuholen. Lerne die wichtigsten Anzeichen kennen, von ausbleibenden Perioden bis hin zu starken Blutungen.

Quellen

Broschüre des Endometriosezentrums des Uniklinikums Erlangen: https://www.uk-erlangen.de/fileadmin/dateien/content_pool_dateien/infobroschueren/UEZ_endometriose_broschuere.pdf

Tu FF et al: The influence of prior oral contraceptive use on risk of endometriosis is conditional on parity, Fertility and Sterility, Volume 101, Issue 6, 2014, Pages 1697-1704, https://doi.org/10.1016/j.fertnstert.2014.02.014

Endometriose-Vereinigung Deutschland e.V.: https://www.endometriose-vereinigung.de/sefzertifizierte-endometriosezentren.html

Stiftung Warentest (2021): Medikamente bei Endometriose: https://www.test.de/medikamente/krankheit/endometriose-k265/

Endometriose-Vereinigung (2021): https://www.endometriose-vereinigung.de/literaturtipps.html#schmerzen

Interdisziplinäre S2k-Leitlinie (2020): https://www.endometriose-vereinigung.de/files/endometriose/015-045l_S2k_Diagnostik_Therapie_Endometriose_2020-09.pdf