27.06.2024 13:44

So beeinflusst der Zyklus dein Immunsystem

Dr. Niels van de Roemer
Dr. Niels van de Roemer Medical Adviser
Ein komplexes Zusammenspiel

Der Menstruationszyklus und das Immunsystem

Der weibliche Zyklus beeinflusst nicht nur die Fruchtbarkeit, sondern hat auch einen entscheidenden Einfluss auf das Immunsystem. Viele Frauen beobachten im Laufe ihres Zyklus körperliche Veränderungen, insbesondere eine erhöhte Anfälligkeit für Infekte in bestimmten Phasen. Diese Beobachtungen sind längst wissenschaftlich untermauert: Die Immunantwort variiert je nach Hormonstatus und Zyklusphase, was Auswirkungen auf Infektionsrisiken, Autoimmunerkrankungen und Allergien hat.

Das Zusammenspiel

Warum dein Immunsystem im Zyklus schwankt

Während der etwa 28-tägige Zyklus in die Follikelphase, den Eisprung, die Lutealphase und schließlich die Menstruation unterteilt ist, verändert sich die Konzentration der Hormone Östrogen, Progesteron und Testosteron. Diese Hormone interagieren mit den Immunzellen deines Körpers. Besonders das Östrogen bindet an Rezeptoren der Immunzellen und moduliert die Abwehrreaktion. In der ersten Zyklushälfte, wenn Östrogen dominiert, ist das Immunsystem besonders aktiv – Krankheitserreger haben es schwer.

Ab dem Eisprung nimmt der Progesteronspiegel zu, während Östrogen langsam abfällt. In dieser Phase, der Lutealphase, wird die Immunantwort bewusst herunterreguliert, um eine mögliche Schwangerschaft zu ermöglichen. Das Problem: Krankheitserreger wie Viren oder Bakterien können nun leichter angreifen.

Östrogen – Die doppelte Wirkung auf das Immunsystem

Östrogen wirkt als Immunbooster. Es fördert die Proliferation von Immunzellen, steigert die Produktion von Zytokinen und führt zu starken Entzündungsreaktionen. Deshalb sind Frauen in der ersten Zyklushälfte oft weniger krankheitsanfällig. Gleichzeitig erklärt dies, warum Frauen häufiger unter Autoimmunerkrankungen leiden – das überaktive Immunsystem richtet sich manchmal gegen den eigenen Körper.

Ein weiteres Phänomen: Der hohe Östrogenspiegel verstärkt allergische Reaktionen. Viele Frauen berichten über tränende Augen, laufende Nase oder Atemnot, besonders um den Eisprung herum.

Progesteron – Schutz und Schwäche zugleich

Progesteron ist in der zweiten Zyklushälfte vorherrschend und sorgt dafür, dass das Immunsystem abgeschwächt wird. Einerseits schützt es so eine potenziell befruchtete Eizelle, andererseits macht es den Körper empfindlicher gegenüber Infekten.

Studien zeigen, dass während der Lutealphase vermehrt Infekte wie Erkältungen, Magen-Darm-Erkrankungen oder Blasenentzündungen auftreten. Kurz vor der Periode fällt auch der Progesteronspiegel ab – was zu einer drastischen Schwächung der Immunabwehr führen kann.

Der Zyklus und Autoimmunerkrankungen

Autoimmunerkrankungen wie Hashimoto-Thyreoiditis, Lupus erythematodes oder Multiple Sklerose verlaufen oft in zyklischen Mustern. Viele Betroffene erleben während der Lutealphase eine Verbesserung der Symptome – ein Hinweis auf die immunmodulierende Wirkung von Progesteron. Während der Menstruation selbst, wenn beide Hormonspiegel niedrig sind, verschlechtern sich häufig die Beschwerden.

Allergien – Wie Hormonwellen Symptome verschlimmern können

Allergien sind ein weiteres Feld, auf dem sich der Hormonzyklus bemerkbar macht. Frauen berichten regelmäßig über zyklusabhängige Schwankungen ihrer Allergiesymptome. Der hohe Östrogenspiegel in der Follikelphase wirkt wie ein Katalysator für allergische Reaktionen. Kurz vor der Periode, wenn die Hormonspiegel rapide sinken, kommt es oft zu einer Symptomverschlechterung – zusätzlich zu PMS, Schmerzen und Stimmungsschwankungen.

Interessant ist auch der geschlechtsspezifische Unterschied: Während in der Kindheit mehr Jungen von Allergien betroffen sind, verschiebt sich dieses Verhältnis mit der Pubertät zugunsten der Mädchen, was auf die Östrogenwirkung zurückgeführt wird. Testosteron, das bei Männern in höheren Mengen vorhanden ist, zeigt dagegen eher protektive Effekte gegenüber allergischen Reaktionen.

Schwangerschaft und Allergien – Eine herausfordernde Kombination

Während der Schwangerschaft erhöht sich der Östrogenspiegel stark, insbesondere im zweiten Trimester. Das Resultat: Viele Frauen erleben verstärkte Allergiesymptome, insbesondere verstopfte Nasen, Hautreaktionen und Asthmaanfälle. Tatsächlich steigt das Risiko für schwere Asthmaanfälle um bis zu 30 % in dieser Phase. Eine engmaschige ärztliche Betreuung ist hier unerlässlich, ebenso wie der Einsatz geeigneter, schwangerschaftstauglicher Medikamente.

Stärkung

Immunsystem stärken in jeder Zyklusphase

Auch wenn sich das Immunsystem zyklusbedingt verändert, kannst du selbst viel dafür tun, es zu unterstützen:

  • Ausgewogene Ernährung mit viel Obst, Gemüse, Vollkornprodukten, gesunden Fetten und Proteinen.
  • Regelmäßige Bewegung – vorzugsweise an der frischen Luft.
  • Stressvermeidung – Stress beeinflusst Hormone und das Immunsystem negativ.
  • Ausreichend Schlaf, besonders in der Lutealphase.

Zyklus-Tracking, z. B. mit einem Zykluscomputer wie Daysy oder Lady-Comp, hilft dir dabei, deine Zyklusphasen genau zu kennen und deinen Lebensstil gezielt daran anzupassen – etwa durch bewusste Ernährung, angepasste Bewegung oder gezielte Ruhephasen in Zeiten erhöhter Anfälligkeit.

Noch offene Forschungsfragen

Zyklus, Hormone und Impfung

Bis heute fehlen belastbare Daten zur Frage, ob der Impfzeitpunkt im Zyklus eine Rolle spielt. Theoretisch könnte die Follikelphase mit aktivem Immunsystem einen besseren Impferfolg liefern als die Lutealphase. Gleiches gilt für die Wirkung von hormoneller Verhütung: Pillen mit Progestin können die Immunantwort dämpfen – möglicherweise steigt dadurch das Infektionsrisiko. Hier sind noch viele wissenschaftliche Studien notwendig, um klare Aussagen treffen zu können.

Hormone steuern mehr als du denkst

Der Einfluss des Menstruationszyklus auf das Immunsystem ist wissenschaftlich belegt und für viele Frauen im Alltag spürbar. Zyklisch bedingte Schwankungen der Immunabwehr können Infektanfälligkeit, Allergiesymptome und Autoimmunerkrankungen beeinflussen. Mit Wissen über deinen eigenen Zyklus, einem gesunden Lebensstil und ggf. medizinischer Beratung kannst du jedoch gezielt gegensteuern und dein Immunsystem stärken – unabhängig von der Zyklusphase.

Erfahre mehr zum Thema

Der weibliche Zyklus wird durch ein fein abgestimmtes Zusammenspiel verschiedener Hormone gesteuert und beeinflusst.

Wer seinen Zyklus kennt, kann Ernährung, Stimmung und Training gezielt an die hormonellen Veränderungen anpassen und so das Beste aus jeder Phase herausholen.

Alles, was du über deine Periode, den Menstruationszyklus und mögliche Symptome wissen solltest.

FAQ
Warum bin ich kurz vor meiner Periode häufiger krank?

In der zweiten Zyklushälfte (Lutealphase) steigt der Progesteronspiegel, was das Immunsystem herunterreguliert. Kurz vor der Menstruation fallen zusätzlich Östrogen und Progesteron stark ab – das kann deine Abwehrkräfte schwächen und dich anfälliger für Infekte machen.

Hilft Zyklustracking dabei, mein Wohlbefinden zu verbessern?

Definitiv. Wer seine Zyklusphasen kennt, kann körperliche Veränderungen besser deuten und den Lebensstil gezielt anpassen – z. B. Ruhephasen in der Lutealphase einplanen oder intensive Workouts auf die Follikelphase legen. Zykluscomputer wie Daysy oder Lady-Comp können dich dabei effektiv unterstützen.

Wie beeinflussen Östrogen und Progesteron das Immunsystem?

Östrogen stärkt in der ersten Zyklushälfte die Abwehrkräfte, während Progesteron in der zweiten Hälfte das Immunsystem dämpft. Diese Hormonwirkung macht dich in bestimmten Phasen anfälliger für Infekte.

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Quellen

1) Alvergne A, Tabor VH: Is Female Health Cyclical? Evolutionary Perspectives on Menstruation. arXiv preprint arXiv:1704.08590. 2017 Apr 26. www.cell.com

2) Maegan Boutot: The immune system and the menstrual cycle, Helloclue 2018. hello clue

3) Oertelt-Prigione S. Immunology and the menstrual cycle. Autoimmunity reviews. 2012 May 31;11(6): A486-92, https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S1568997211002977

4) Cunningham M, Gilkeson G. Estrogen receptors in immunity and autoimmunity. Clinical reviews in allergy & immunology. 2011 Feb 1;40(1):66-73. 

5) Fischer J, Jung N, Robinson N, et al. Sex differences in immune responses to infectious diseases. Infection. 2015;43:399–403. doi: 10.1007/s15010-015-0791-9. PubMed

6) RKI

7) Pharmazeutische Zeitung

8) Popular Science [Internet]. How long do allergies last—a few years or your whole life? 2021 May 14. Available from: https://www.popsci.com/why-allergies-change-age/

9) https://www.europeanlung.org/assets/files/de/publications/asthma-pregnancy-de.pdf